Wenn ich tot bin….
Sonntag, August 22nd, 2010

Ich hatte in meinem Leben schon sehr ergreifende Gespräche und Themen, ich will mich auch nicht beklagen, aber es ist auch schon anderen aufgefallen, dass immer gerade ich mit Themen zu tun bekomme die sehr schwierig und oft auch unglaublich sind. Man sagte mir, dass ich mit meiner Art Menschen dazu animiere aus sich heraus zu kommen, und Dingen Ausdruck zu verleihen, die man eigentlich tief in seinem inneren vergräbt.
Oder dass meine Ausstrahlung herüber bringt, dass ich mit meiner Stärke vieles ab kann. Wie immer ich das auch mache, Fakt ist, dass ich mir manchmal wünsche leichtere Gespräche zu haben. Das fing schon recht früh in meiner Kindheit an, ich war immer unschuldigerweise Dreh- und Angelpunkt allen möglichen Tohuwabohus, ungewollt, denn ich wollte immer nur eines, in Ruhe gelassen werden, aber das Leben ließ nicht mit sich handeln. So nun zu meinem Gespräch, bei dem mir alles andere als wohl war:
Ich* Hallo, was kann ich denn für Dich tun zu so später Stunde.
Anrufer* Ich wollt mal fragen, gibt’s eigentlich den lieben Gott, und stimmt es, wenn ich tot bin, also dass Selbstmörder in die Hölle kommen?
Ich* Sag mal wie alt bist du denn?
Anrufer* 13.
Ich* Du weißt aber schon, dass ich nicht mit dir reden darf, dieser Service ist ab 18, da mache ich mich strafbar.
Anrufer* Na ja, spring ich eben gleich runter.
Ich * Wo runter?
Anrufer* Vom Tisch, ich habe eine Schlinge um den Hals, und ich halt das nicht mehr aus, und reden will auch keiner mit mir, also, was soll’s.
Ich* Schwitz, Schreck, Panik….Wie schwer bist Du denn? … krampfhaft ruhig bleibend.
Anrufer* Wieso? Ich glaub so 35 Kilo…
Ich * Das klappt eh nicht, bist viel zu leicht. Außer einem Halswirbelsyndrom wird dir nichts weiter passieren, aber sag mal, warum willst Du dir denn das Leben nehmen?
Anrufer* Hör mal… hörst Du? So geht das jeden Tag, ich kann nicht mehr.
Ich* Ich hörte Gebrüll und Gepolter im Hintergrund, er ist Zum Glück erstmal vom Tisch runter gestiegen. Sind das deine Eltern?
Anrufer* Ja, sie streiten jeden Tag, und manchmal prügeln sie sich, und oft auch mich. Vielleicht könnte ich ja auch auf die Gleise gehen? Was meinst du?
Ich* Ich gab mir wieder einen total ruhigen und souveränen Anschein. Ja das könntest du, das wäre aber total unklug von dir. Du könntest im Rollstuhl landen, und da wäre ja auch noch die Sache mit deinem nächsten Leben…
Ich erklärte und erklärte, sagte dem kleinen Österreicher, dass ich bei meinem Nahtoderlebnis keinen Gott oder Teufel wahrgenommen habe, dass es im Grunde genommen ein simpler Kreislauf ist, in den jedes Lebewesen auf dieser Welt eingebunden ist. Ich legte ihm nahe, dass er viele Möglichkeiten hat um Hilfe zu bekommen, gab ihm Telefonnummern von Hilfsorganisationen, und legte ihm die Karten.
Ich sah, dass er wirklich ein sehr schönes und reichhaltiges Leben vor sich hat. Packte ihn bei seinem Stolz, und versetzte ihn sogar in Wut. Ich dachte mir, alles, nur nicht wieder diese abgrundtiefe, resignierte Traurigkeit in seiner Stimme. Ich konnte einfach nicht auflegen, das hätte ich niemals fertig gebracht. Nach einer Stunde hatte er soviel Input, so viele Buch- und Filmtipps, Telefonnummern und neue Denkrichtungen dass er zu mir sagte:
Anrufer* Da bin ich jetzt aber froh, dass ich dich angerufen habe, stell dir bloß mal vor ich wäre gesprungen, ich hätte mich voll blamiert he. Selbstmord ist eh was für Weicheier. Ich ruf dich nächste Woche noch einmal an, wenn ich alles erledigt habe, ich muss jetzt ja auch erst einmal viel nachdenken.
Ich* Nein, ruf mich nur an wenn alles andere, was wir jetzt besprochen haben versagt, und du nicht mehr weiter weißt, aber ich denke du wirst das schaffen, das sehe ich in meinen Karten. Und jetzt geh ins Bett, es ist schon 2 Uhr, morgen hast du viel vor.
Anrufer* Danke noch mal, ich drück dich, Babatschi…
Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, habe ich erst einmal 20 Minuten ins Leere gestarrt, dann bin ich duschen gegangen, weil ich total durchgeschwitzt war.
Im Gespräch erfuhr ich noch, dass sein Vater regelmäßig Telefonsex Hotlines anruft, es war unwahrscheinlich dass da meine 0900 Servicenummer hervorstechen würde. Tja, und seine Mutter rief mich 2 Wochen später an, und setzte mir ihrerseits ihre ganze Ehetragödie auseinander, sie wurde eine Stammkundin von mir, deshalb weiß ich, dass ihr Sohn heute in Amerika studiert, sie hat mir immer wieder und wieder gedankt, dass ich das Jugendschutzgesetz gebrochen hatte. Sie ist nun glücklich geschieden.

